23.06.: Im Herzen der Neuen Welt


In meinem letzten Eintrag habe ich geschrieben, dass jede Stadt ihr eigenes Flair hat, und dass man sich, wenn man sich Mühe gibt, in jeder Stadt anders fühlt. Ohne große Vorrede – das hat sich auch am letzten Wochenende wieder bestätigt!

Nach einer ziemlich abwechslungsreichen Fahrt – ich finde, das ist ein gutes Wort dafür – die unter anderem einen kurzen Trip nach Manhattan zur Rush Hour, nur um einen U-Turn zu machen, sowie eine nur laut Navi vorhandene Tankstelle bei so gut wie leerem Tank und einen Zwischenstopp in der Gegenrichtung einer Auffahrt in der Nähe von Baltimore, von der man nicht so schnell runterkam – zu unserer Verteidigung: als sich das Navi wieder gefunden hatte, sind wir auch in die richtige Richtung gefahren, aus Platzgründen nur halt rückwärts - enthielt, kamen wir auch schließlich in unserer etwas abgelebten, bescheidenen, dafür preisgünstigen Unterkungt, dem Hilltop Hostel, an. Nachdem wir die verschiedenen anderen Schlafgäste – zwei Kanadier auf Fahrradrundreise und ein Typ aus Pittsburgh, der seinen Liebeskummer in irgendeinem Stout ertränkte – kennengelernt und uns an den komischen Geruch im Raum gewöhnt hatten, versanken wir auch dankbar ins Reich der Träume. Nach einem leckeren Frühstück waren wir dann auch bereit, die nächste amerikanische Großstadt zu erkunden – und da wir keine halben Sachen machen, war es auch gleich die wohl wichtigste Stadt: Washington D.C.!!

Im Gegensatz zum chaotischen, lauten, vor Energie überschäumenden und kreativen New York City zeigte sich Washington D.C. eher ein wenig gemäßigter, ruhiger, aber mindestens genauso interessant, aber halt entspannter und herrschaftlicher – wie es sich für die Hauptstadt einer Großmacht gehört.. Aufgrund des leicht unbeständigen Wetters fuhren wir zuerst zu dem Touristenmagneten schlechthin: Der National Mall. Flankiert von verschiedenen Museen, die zur Smithsonian Institution gehören, die in einem neoromanischen Backsteinschloss untergebracht ist, strebten wir dem Zentrum der Demokratie zu: Dem Capitol. Weiß und majestätisch erhob sich die Kuppel, die kein Gebäude in Washington überragen darf, an einem Ende der National Mall und wir strebten ihr trotz Regenschauer entgegen.

 

Smithsonian Institution

 

Leider hatten wir keine Eintrittskarten mehr bekommen, also konnten wir dieses wunderschöne, in seiner Symmetrie ebenmäßige Gebäude nur von außen betrachten und natürlich fotografieren (und uns fotografieren lassen – mit zwei blonden Mädels auf nem Foto zu sein, war wohl das Highlight des Tages für einen Asiaten ). Es war wieder einer dieser „Ich hab es so oft im Fernsehen und auf Bildern gesehen und jetzt stehe ich plötzlich davor“ - Momente, die einen verzaubern, und allen, die mir gesagt haben, dass diese Stadt wunderschön und auf jeden Fall einen Besuch wert ist, kann ich nun sagen: Ihr habt Recht!! Es ist eine wunderschöne Stadt! Sie ist sogar einen zweiten Besuch wert, auch wenn es nur dafür ist, wieder am Teich vor dem Capitol zu sitzen und dieses herrliche Gebäude anzuschauen!

 

 


 

Nächste Station war das berühmte Air & Space Museum – jeder, der „Nachts im Museum II“ gesehen hat, kennt es sicher. Dort wurden die Meilensteine des Traums vom Fliegen gezeigt, vom ersten Flugzeug der Gebrüder Wright mit dem ersten Flugzeug überhaupt über Charles Lindbergh's und Amelia Erhard's Flugzeugen, mit denen die beiden den Atlantik überquerten – der eine als erster Mensch, die andere als erste Frau in einem Flugzeug – und verschiedenen Kampfjets und Passagierflugzeugen sowie Raketen wie der V2 (wer in Geschichte ein bisschen aufgepasst hat oder schon mal das Museum im früheren Heeresforschungszentrum in Peenemünde besucht hat, weiß, wovon ich spreche ) bis zur Raumfahrt, die mit verschiedenen Raumkapsel vertreten war. Normalerweise bin ich kein so großer Fan von der Geschichte des Transportwesens – Kunstgalerien oder „normale“ Geschichte finde ich dann doch spannender – aber die Exponate und der Weg, der durch sie bereitet wurde – mal ehrlich, wenn es keine Flugzeuge gäbe, wäre ich sicher nicht hier – waren den Abstecher auf jeden Fall wert!

 

Das erste Flugzeug der Wright-Brüder

 

Mondlandung

 

... und Raketen... 

 

Als nächstes suchten und fanden wir das Edgar J. Hoover Building, das frühere und erste Hauptquartier des FBI, sowie das Old Post Office, ein majestätisches Gebäude, das eher etwas von einem Schloss als von einer Post hatte. Die Schlange vor den National Archives, wo unter anderem die Unabhängigkeitserklärung ausgestellt wird, war leider ein wenig zu lang, und so mussten wir auf diesen wichtigen Meilenstein amerikanischer Geschichte leider verzichten.

 


 

Das große Grillfest, das dann die Pennsylvania Avenue versperrte und das Old Post Office in nicht besonders nach Gegrilltem riechende Rauchfahnen hüllte, mussten wir dank Eintrittspreisen von 15$ umgehen – so viel zu zahlen, nur um dann dort wieder Geld zu zahlen, erschien uns dann doch nicht unbedingt sinnvoll. Also marschierten wir los Richtung Weißes Haus.

Da ich von so vielen Leuten bereits vorgewarnt wurde, dass es viel kleiner ist, als man denkt, und dass man enttäuscht ist, wenn man dann dort ist, habe ich nicht viel erwartet und war dann doch von seiner Größe überrascht – ich hatte es mir kleiner vorgestellt. Natürlich ist es nicht annähernd so beeindruckend wie das Capitol, aber die fotografierfreudigen Menschenmassen sowie die „No new war in Iraq“-rufenden Demonstranten machten es irgendwie wert, dort zu sein!

 


 

Zuerst bekamen wir jedoch nur die Rückansicht des Gebäudes zu sehen, wir fanden dann aber auch den Weg zur Vorderseite für ein paar weitere Fotos. Zum Weißen Haus gibt es übrigens einen schönen großen Garten – es muss doch eine Tortur sein, so eine schöne Grünanlage, in der man noch nicht mal selbst Rasenmähen muss, zu haben, aber sie nicht genießen zu können, ohne dass eine riesige Meute Touristen ständig Fotos schießt! Das macht dann auch die tolle Aussicht auf das Washington Monument nicht besser!

 


 

Nachdem wir Amerikas politisches Zentrum genau betrachtet hatten, begaben wir uns per Metro zum militärischen Mittelpunkt der Riesennation – dem Pentagon. Das Gebäude selbst ist, wie zu erwarten, nicht besonders spektakulär, und nach der gehörigen Portion Patriotismus und Nationalstolz, die wir in den letzten Stunden erlebt hatten, war es fast ein bisschen langweilig und die „No Photos“-Schilder empfand schon fast als Störung. Daneben konnte man noch das Pentagon Memorial zu Ehren der Opfer der Anschläge des 11. September, an dem eines der Flugzeuge ja auch in das fünfeckige militärische Herz der Vereinigten Staten stürzte, besichtigen und auch ein paar vom Gebäude selbst machen.

 


 

Danach beeilten wir uns, zum Goethe-Institut zu bekommen, denn wenn die ganzen Amerikaner patriotisch sein dürfen, dann dürfen wir das auch – also auf zum Spiel Deutschland gegen Ghana. Nach spannenden 90 Minuten (große Fußballturniere sind nichts für meine Nerven … wenn ich mich über etwas anderthalb Stunden am Stück und notfalls länger aufregen kann, dann über eines dieser Spiele ) und einer - trotz verhältnismäßig kleiner Runde – super Stimmung waren wir über das Unentschieden dann doch ziemlich erleichtert. Sollte Deutschland am Donnerstag jedoch verlieren, kann ich mich dann für den Rest des Tages nicht mehr auf Arbeit sehen lassen – wenn das mal kein Ansporn für die „Rasenkomiker“, wie sie meine liebe Mami immer nennt, ist. Dort trafen wir auch Mareike, Christian, Linda und Saskia, und die arme Anna war plötzlich allein unter IBAlern .

 

PUBLIC VIEWING - Götze schießt ein Tor

 

Danach besuchten wir das verhältnismäßig kleine Chinatown von Washington D.C., das witzigerweise sogar ein Vapiano enthielt (ich weiß, seeeehr chinesisch...), und genehmigten uns ein chinesisches Essen.

 

Das Spekulärste an Chinatown

 

Nachdem sich unsere Beine und Füße also ein wenig erholt hatten, muteten wir ihnen die nächste Wegstrecke zu und fuhren nach Georgetown, um das In-Viertel schlechthin zu erkunden. Entlang der Hauptstraße erstreckten sich hübsche englisch aussehende Häuschen, wie sie auf den Britischen Inseln nicht anders stehen könnten, allerdings waren sie, dem Standard des Viertels entsprechend, voller teurer und angesagter Läden. Da bleibt leider kein Portmonee lange geschlossen und auch wir konnten dem Ruf der Shoppingtempel nicht lange widerstehen. Nachdem die Frauen in uns auch so richtig auf ihre Kosten gekommen waren – jetzt habe ich auch genug Vorurteile bedient - verabschiedeten wir uns von diesem Little England im Herzen der Vereinigten Staaten und machten uns auf den Weg zu unserem letzten Highlight des Tages.

 

 

 Feeling so very british in Georgetown

 

Ich wollte noch unbedingt die National Mall bei Nacht bestaunen, und wenn das Capitol bei Tag schon beeindruckend war, war es das nachts noch viel mehr. Ich könnte stundenlang an dem Teich davor sitzen, der Musik eines nahen (und vermutlich ziemlich teuren) Rooftopclubs lauschen und den Anblick des sich strahlend – Mr Edison sei Dank - aus dem Dunkel erhebenden Gebäude genießen. Nur wurde es irgendwann kalt und wir wurden müde – aber allein für diesen Anblick lohnen sich alle Strapazen, die man auf sich nimmt, um es zu erleben!

 


 

Nach einer weiteren Nacht im Hilltop Hostel – diesmal mit weniger interessanten Leuten - versprach das Wetter am nächsten Morgen besser zu werden. Voller neuem Elan machten wir uns auf den Weg zur Arlington Cemetery. Dieser oft in Film und Fernsehen gezeigte Friedhof mit den endlosen Reihen von weißen Grabsteinen, schien an diesem Montag ein besonderer Publikumsliebling zu sein, sodass das typische Friedhofsfeeling, wie man es selbst auf dem berühmten Friedhof von Montmartre in Paris erleben konnte, kam also nicht richtig auf. Wir besichtigten die Kennedy-Gräber, wo Robert, J.F. und seine Frau Jacqueline beerdingt sind und spazierten dann über die Memorial Bridge Richtung der Memorials – der Denkmäler, die ebenfalls einen wichtigen Teil der National Mall bildeten.

 

 


 

Als erstes war das wohl berühmteste an der Reihe – das Lincoln Memorial. Hier konnte man die herrliche Aussicht, die sich dem steinernen Abbild des Gewinners des Bürgerkriegs bietet, betrachten – es ist wirklich herrlich, die Wasserflächen und dann das Washington Monument – und sich dann an den Punkt stellen, von dem aus Martin Luther King seine berühmte „I have a dream“-Rede hielt.

 


 

 

 


 

Nachdem man den Atem der Geschichte eingeatmet und gewissermaßen genossen hat, kann man sich nach links wenden und der Reihe nach das Vietnam Veterans Memorial, die Constitution Gardens mit dem Denkmal, in dem die Signaturen aller Unterzeichner der Declaration of Independence abgebildet sind, und schließlich das World War II-Memorial besichtigen. Dieses ist sehr majestätisch und erinnert an beide Fronten, an denen die USA kämpften – Atlantik und Pazifik.

 

 

... und das Vietnam Veterans Memorial... 

 

Danach liefen wir zum Martin Luther Kind Jr.-Memorial, schauten uns ein wenig fußlahm das Jefferson Memorial von weiten an und liefen weiter zum Holocaust Memorial Museum, wo wir uns eine Ausstellung über das (Über)Leben jüdischer Kinder ansahen. Danach brauchten wir dringend eine Stärkungspause, bevor wir uns der letzten Station unseres Washington-Wochenendes widmeten: dem Museum of American History. Dort erfuhr man die Geschichte der Nationalhymne und konnte das Original-“star spangled banner“, das damals, über Fort McHenry in Baltimore nach der Schlacht gegen die Engländer wehend, Francis Scott Key zu jenem Text inspirierte, besehen. Außerdem erlebten wir wieder ein paar der wunderbar konzipierten Ausstellungen – in der Beziehung haben es die Amis richtig drauf!! - zum Thema Transportwesen (vor allem Eisenbahnen), einflussreiche First Ladies und ihre Garderoben (teilweise wunderschöne Kleider), Meilensteine amerikanischer Geschichte und zur Entwicklung der Essenskultur der Fast Food-Nation.

 

Was wäre Amerika ohne die Eisenbahn? 

 

Michelle Obama hat einfach Geschmack - wunderschönes Kleid! 

 

Danach hieß es auch schon Abschied nehmen von dieser herrlichen, entspannten und doch herrschaftlichen, aber auf jeden Fall sehr sympathischen Hauptstadt der Weltmacht USA. Auf der alternativen Rückfahrt – mit möglichst wenig Maut – konnten wir u.a. die Skyline Philadelphias und später die von Manhattan bestaunen und irgendwann nach 23 Uhr war ich dann auch zu Hause, wo ich nach einer ausgiebigen Dusche erschöpft, aber voller wunderbarer Erinnerungen schließlich erschöpft in mein Bett fiel.

 

Das Hostel... 

 

Wieder ist es wunderbares Wochenende vergangen, wieder habe ich viel erlebt, und auch wenn ich mich auf eine kurze Ruhepause im August freue, habe ich trotz fast 6 Monaten Sightseeing immer noch Lust auf mehr!

Ansonsten ist nicht viel Spektakuläres passiert – viele liebe Leute halten mir immer noch über Skype die Treue, wofür ich sehr, sehr dankbar bin. Es ist immer wieder schön, euch zu sehen und von euch zu hören, und besonders, wenn man, insofern man sich denn nicht in Unkosten stürzen möchte, nicht einfach das Telefon nehmen und anrufen kann, misst man diesen Gesprächen einen ganz besonderen Wert zu. Außerdem trennt uns jetzt ja auch seit schon bald 2 Monaten ein ganzer Ozean – deshalb noch einmal ein ganz großes Dankeschön an alle, die bis hierhin der Zeitverschiebung getrotzt haben und die Zeit gefunden haben, mit mir zu reden, zu lachen und das Neuste zu besprechen! Das bedeutet mir sehr viel!

Was vielleicht ansatzweise spektakulär ist – und wo für jeden, der von Skype & Co. abhängig ist, eine halbe Welt zusammenbricht – meine Vermieterin, oder wer auch immer dafür verantwortlich ist, hat die Gebühren für den Internetanbieter nicht gezahlt und seitdem funktioniert das nicht mehr. Da da aber auch das Fernsehen dran hängt, wird jetzt sicher jemand die Initiative ergreifen, denn ohne den großen viereckigen Kasten kann hier keiner leben – die schlafen bei laut laufendem Fernseher!! (Und ich kann mittlerweile auch durch die spannenden Basketballspiele schlafen – man weiß ja nicht, wofür man das später mal braucht :D ). Hoffentlich wird das schnell wieder in Ordnung gebracht, denn wie gesagt: Ich kann nicht SKYPEN!!

 

Das schönste Foto des Wochenendes - Capitol bei Nacht


24.6.14 19:41

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