02.06. In New Yorks politischem Zentrum - Albany


Breaking News: Ich habe eine neue Mitbewohnerin!! Hier im Haus wohnt jetzt noch eine weitere IBM-Praktikantin aus Atlanta, die auch 3 Monate bleiben wird – sie ist zwar nicht in meinem Team, aber wir haben den gleichen Arbeitsweg, zumindest fast. Aber das beste ist: Wenn Mariama dann bald im Senegal ist, bin ich also nicht mehr die einzige Frau im Haus. Ich will den Herren der Schöpfung ja nicht zu nahe treten, aber von Frau zu Frau lässt es sich halt nun mal besser quatschen – ich will auch gar nicht so sehr die alten Klischees bedienen, mit manchen Männern kann man sich auch super unterhalten und da sowohl mein Papi als auch meine beiden Opas wunderbar erzählen können, mag ich mich auch überhaupt nicht beschweren... nur, mit Frauen ist das was anderes.

Draußen weicht gerade das letzte bisschen Tageslicht der Nacht und ich erinnere mich an ein tolles Wochenende voller Sonne (und bedauere ein bisschen, dass Wochenenden nur aus 2 Tagen bestehen). Ich hatte in meinem letzten Eintrag ja schon angedeutet, dass es vor allem die Erfahrungen und die Menschen sind, die einen reich machen, und ich bin an diesem Wochenende wieder um einiges reicher geworden. Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr ich es genieße, ständig Neues zu entdecken, und wie selbst die Dinge, die nicht so funktionieren, die Erfahrung wert sind – außerdem wäre es ja langweilig, wenn alles glatt gehen würde. Man lernt, zu improvisieren und weniger zu planen (was wir Deutschen ja wirklich von Zeit zu Zeit lernen müssen...) - nicht falsch verstehen, ein Plan an sich ist wichtig, aber man muss ja nicht alles bis ins Detail wissen. So wie es geschieht, geschieht es richtig; solange man sich darauf verlässt und den Moment so nimmt, wie er ist, und ihn versucht auszukosten, solange kann einen selbst ein vollgestopftes Wochenende auch nicht stressen.

So, jetzt genug der Lebensweisheiten. Bevor ich es wieder vergesse, möchte ich aber noch eine amerikanische Kuriosität loswerden: Hier gibt es nicht nur bei McDonald's Drive-through's oder Drive In's, sondern auch bei der Bank und vor allem bei der Apotheke – also wenn ich es nicht mehr schaffe, mich aus dem Auto zum Medikamenteabholen zu schleppen, sollte ich generell nicht mehr Autofahren.

Außerdem war ich endlich in einem richtigen Burgerrestaurant – Qi, Lili (mit den beiden war ich am Wochenende davor unterwegs) und Ashley hatten am Freitag ihren letzten Tag in Poughkeepsie, und so haben wir uns Donnerstagabend nochmal richtig den Bauch vollgeschlagen. McDonald's ist zwar um einiges günstiger, aber zumindest schmecken in den teureren Läden die Burger nicht nur nach mit Geschmacksverstärkern übertünchten Schlachtabfällen.

Am Samstagmorgen habe ich also als erstes wieder einen Mietwagen abgeholt – da ich den, den die Firma zahlt, ja nicht privat nutzen darf, muss also für die Wochenendausflüge ein Weiterer her. Diesmal war's kein Chevy, sondern ein Toyota Yaris, aber der war mir fast lieber – er hatte halt ein paar Pferdchen mehr unter Haube und ich hatte bei 70 mph keine Angst, dass er mir im nächsten Moment auseinanderfällt.

Erstes Ziel war, noch einmal, Woodbury Common, das große Outlet-Areal, da meine Lieben zu Hause T-Shirts bestellt hatten (und natürlich kam ich mir nicht umhin, mir auch ein-zwei Dinge zu kaufen ). Diesmal war es jedoch deutlich entspannter – die Menschenmassen, die die vollen Parkplätze ankündigten, merkte man gar nicht (ich war aber kurz vor 11 auch wieder raus ) und ich hatte noch meinen Spaß mit dem „Deutche Wurst“-Stand – wenn ich schon ein Fremdwort verwende, dann doch bitte orthografisch richtig – ist ja nicht so, dass das in jedem Wörterbuch, von denen es mittlerweile auch Massen online gibt, stehen würde... .

 


 

Dann führte mich die Interstate durch die Catskills Richtung Norden und nach ein paar atemberaubenden Ausblicken in das saftiggrüne Hügelland und einem Zwischenstopp bei Starbucks – Koffein muss sein, weil ich im Auto immer müde werde, egal ob als Mit- oder Fahrerin – erreichte ich auch bald Albany. Also nicht das Albany aus dem Lied von Roger Whitaker, das mein Papi beim Tanzen gern lauthals mitsingt, während er seine Partnerin übers Parkett schweben lässt, sondern das Albany, das die Hauptstadt vom Bundesstaat New York und das Zuhause von Marion Zimmer Bradley, der Autorin von „Die Nebel von Avalon“ ist. Ich fand einen tollen Parkplatz auf dem Broadway und mein erster Stopp war, in guter alter Frankreichmanier, das Tourismusbüro, das ganz untypisch für Amerika in einem roten Backsteingebäude untergebracht war und aussah, als hätte man es aus England oder Irland geklaut und dort hingesetzt. Daneben war übrigens auch ein englischer Pub, der hat das Bild noch vervollständigt.

Im Tourismusbüro bekam ich eine Karte für einen Spaziergang durch das Stadtzentrum, womit man die wichtigsten Sehenswürdigkeiten besichtigen konnte. Erste Station war das Palace Theatre und dann standen Kirchen und das Rathaus auf dem Programm.

 

 

Der Pub rechts hieß "The Merry Monk" - Der lustige Mönch

 

 

Vor einer Kirche stand das hier - was los wäre, wenn ich so in Großpostwitz Sonntagvormittag vorfahren würde :D 

 

Und dann bekam man das New York State Capitol zu Gesicht, und das war einfach nur beeindruckend. Es sieht ein wenig aus wie ein Renaissance-Schloss, nur halt noch ein wenig größer und majestätischer, dem Hang der Einwohner zur Selbstverwirklichung im Mächtigen sei Dank. Zuerst sieht man eine riesige Freitreppe, an deren Ende dieses riesige Gebäude thront.

 


 

Danach kommt das Educational Building, wahrscheinlich sowas wie das Bildungsministerium, das mit seinen antiken Säulen fast noch eine Spur protziger wirkt. Daneben erstreckt sich die vom früheren Gouverneur Rockefeller angelegte Empire State Plaza mit viel Grün, pechschwarzen Wasserflächen (durch den Innenanstrich der Becken) und recht und links ragen sogenannte Agency Buildings auf (welche Agency wohl??? ), hoch, schlank und nicht unbedingt hübsch. Außerdem sieht ihre Fassadengestaltung wie vom World Trade Center geklaut aus... aber zu diesem kommen wir später. Am Ende dieser Plaza liegt, schon fast ein wenig mickrig, aber durch seine klaren und geschwungenen Linien wie ein Balsam für die Augen (zumindest nach diesen Agency Buildings...) wirkendes Gebäude, das die Bibliothek und das New York State Museum beherbergt.

 


 

Auch an der Plaza - The Egg (ich finde, es sieht eher wie ein UFO aus :D)

 

Nachdem mich ein netter Schrankenwärter (an der Schranke zu Plaza) über all diese Gebäude aufgeklärt und mir gesagt hatte, dass ich einen hinreißenden Akzent hätte (DAS hat mir noch keine gesagt – Männer dieser Welt, spätestens JETZT müsst ihr euch anstrengen, mein Herz zu erobern :D ), besuchte ich also das Museum und freute mich besonders über den freien Eintritt. Am Empfangstisch erklärte mir ein knuffiger Herr im fortgeschrittenen Alter, was ich mir unbedingt anschauen sollte, und da tauchte ich für mehr als 2 Stunden ein in die Welt dieses Museums. Da es nur noch 3 Stunden aufhatte, konnte ich mir nicht alles durchlesen, was ich fast ein wenig als persönlichen Verlust betrachten könnte, da ich mir aber sowieso nur einen Bruchteil davon gemerkt hätte, war es dann doch nicht so schlimm. Das Museum führte mich erst durch eine Kunstausstellung der New Yorker Studenten – ein paar Sachen waren wirklich gut!! - und dann durch eine wirklich detailgetreue Darstellung der Tiere der nahen Adirondack Mountains, eine Mineralienausstellung, durch die Geschichte Albanys sowie der der Ureinwohner und schließlich zu New Yorks berühmtester Großstadt: der Handelsmetropole von Klein auf: New York City!!

 

Eine Liste mit Fragen, die den Einwanderern auf Ellis Island gestellt wurden. 

 

Dort wurde kurz die Geschichte der jüdischen Flüchtlinge im 2. Weltkrieg genauso erklärt wie die der Slums in Harlem, die der Subway (das in dem Teil nichts zu essen, sondern die U-Bahn ist), der Wolkenkratzer und schließlich wurde ein großer Ausstellungsraum 9/11 gewidmet. Ein wenig früher, als ich den Family Trailer, ein Bauarbeiterwagen, der voller Andenken und Fotos der Opfer des 11. September war, bekam ich schon einen Vorgeschmack darauf, aber als ich den verbeulten und zerdrückten Feuerwehrwagen sah und dazu noch die die verbogenen Stahlträger, Schlüsselsammlungen, zusammengeknüllten Aufzugstüren und die bis zur beinahen Unkenntlichkeit zerschmolzenen Computer, da hatte ich richtig Gänsehaut. Auch über das Pentagon, das damals auch getroffen wurde, wurde berichtet, aber anhand einer Timeline und Augenzeugenvideos sowie Berichten von der Müllhalde, wo die Trümmer hingeschafft und auf der Suche nach weiteren menschlichen Überresten durchsucht wurden, ließen sich vor allem die Ereignisse am Ground Zero nachvollziehen. Was mir nicht so bewusst war: Der WTC-Komplex bestand nicht nur aus den Zwillingstürmen, sondern aus noch weiteren, kleineren Gebäuden, die auch zerstört wurden – durch Trümmerteile. Vor allem der Opfer unter den Rettungskräften wurde ein kleines Denkmal gesetzt, sozusagen, man konnte die Geschichte einer Frau, die aus dem 68. Stock lebend raus geschafft hatte, genauso anhören wie die des Feuerwehrmannes im Ruhestand, dessen Sohn, auch Feuerwehrmann, dort umgekommen war und der an diesem Tag noch vor den Einstürzen hingefahren war, um eben seinen Sohn zu suchen. Es gab aber nur ein richtiges Denkmal, was mir als jemand, der mit solchen Tieren aufgewachsen ist, als sehr rührend erschien: Es war für die Hunde, die auf der Suche nach den Opfern von großem Wert waren und für den den einen von ihnen, der beim Einsturz umgekommen war – ein Bombenspürhund, den sein Herrchen, ein Polizist, im Auto gelassen hatte, als er bei der Evakuierung behilflich war – das Auto wurde von Trümmerteilen zerstört.

 

 

Das Links da war mal ein Computer... 

 

Wie man sehen kann, hat mich das sehr beeindruckt – hat es schon immer. Ich kann mich noch genau an jeden 11. September erinnern. (Achtung, jetzt kommt eine Beichte.. ) Damals war ich nämlich alleine zu Hause und habe meine nachmittägliche Erlaubnis, Fernsehen zu gucken, ein wenig ausgeweitet. Als also 10 Minuten, nachdem ich den Fernseher nach der Serie, die ich schauen durfte, ausgeschaltet hatte, das schlechte Gewissen schwächer als der Wunsch, fernzusehen, war, schaltete ich das Gerät wieder an und plötzlich waren die Geschehnisse im fernen New York auf allen Sendern. Überall sah man die rauchenden Türme, es wurden die Aufnahmen von einem Flugzeug gezeigt, das in einen davon reinflog und schließlich stürzte einer der beiden ein. Ich war damals 9 Jahre alt – irgendwann war mir das so unheimlich, vielleicht hab ich es auch nicht hundertprozentig verstanden, was da los war, fand es aber trotzdem schrecklich, und ich schaltete den Fernseher wieder aus. Irgendwann kam Papa heim und machte auch den Fernseher an und ihm habe ich dann angesehen, dass es was wirklich Schlimmes war, was das passierte. Im Fernsehen redeten Experten, Papi erklärte mir kurz, was dort passierte, und ich hatte Angst. Danach musste wochenlang mein beleuchteter Globus brennen, wenn ich alleine in meinem Zimmer einschlafen sollte, weil ich plötzlich wieder Angst vor der Dunkelheit hatte, und ich kann mich noch an das Titelfoto der SZ am nächsten Tag genauso erinnern wie an die Berichte im Fernsehen, dass alle Flaggen auf Halbmast wehten und an die Schweigeminute in der Schule.

Vielleicht schaffe ich es auch nochmal, in das neu eröffnete Museum in New York zu gehen und den Ground Zero hautnah zu sehen, aber warum Menschen so etwas mutwillig tun, werde ich wohl nie verstehen. Auch will ich mir nicht zu sehr ausmalen, wie sich die Leute gefühlt haben, die davon betroffen waren – die, die oben auf den Dächern der Türme standen und nicht gerettet werden konnten, die, die oberhalb der Stellen, wo die Flugzeuge hineingecrasht waren, arbeiteten, oder die Angehörigen der Opfer. Mariamas Stiefsohn hat es kurz angedeutet – sein Vater war zwar kein Opfer, aber an dem Tag in Manhatten und er konnte ihn stundenlang nicht erreichen.

 

So sieht es in dem Family Trailer aus - alles voller Andenken an die Opfer der Anschläge. 

 

Das gabs auch - die Sesamstraße!! 

 

Und ein Ausstellungsstück vom Stock Exchange - der Wall Street. 

 

Ein Langhaus der Ureinwohner

 

So, jetzt aber Schluss damit. Nach dem Museum schaute ich mir noch das herrliche Unigebäude der University of New York an und dann fuhr ich auch schon wieder heimwärts. Mein Haupthindernis: Mein Navi, das mich an einer entscheidenden Stelle – der Auffahrt zur Interstate, falsch leitete und ich also statt Richtung NYC plötzlich nach Buffalo fuhr. Leider gibt es auf den Interstates nicht so oft Ausfahrten, also fuhr ich ein Weilchen in die falsche Richtung, bevor ich dann endlich runter und wieder rauf fahren konnte – dementsprechend genervt natürlich.

 

Big Blue ist überall

 

Hier würde ich auch gern zur Uni gehen... 

 

Außerdem war irgendein Bikerfestival... 

 

Am nächsten Tag, Sonntag, strahlte auch wieder die Sonne vom Himmel und es war angenehm war. Nach dem sonntäglichen Skypetermin mit Großpostwitz traf ich mich nachmittags mit Anna in Peekskill – einem herrlichen Städtchen am Hudson – traumhaft bei dem Wetter. Wir genossen amerikanisches Fast Food, taten etwas gegen die Bürobräune und verquatschten den Rest des Nachmittags. Abends, nachdem mich der Metro North Train, der von der Grand Central Station bis nach Poughkeepsie fährt und der von Bombardier gebaut wurde , wieder dort abgesetzt hatte, genoss ich noch die Abendstimmung am Hudson unterhalb der 2 Brücken, ging einkaufen und ließ den Abend gemütlich bei Tomate und Mozzarella ausklingen. (Ein Glas Rotwein wäre mir lieber gewesen. :D )

 

 


 

Jetzt ist wieder Montag, ich habe neue Kollegen, die wieder für 4 Wochen bleiben, heute war nochmal das Wetter schön und warm und ich freue mich auf das nächste Wochenende!

 


4.6.14 01:45

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