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22.07.: Von der Stadt, die auch am 4. Wochenende dort noch begeistern kann

 

Der Titel ist Programm – am Wochenende wurde aus den verschiedensten Gründen nicht viel geschlafen. Früh zeitig ging es immer wieder nach NYC, und durch einen Steinschlag auf der Bahnstrecke wurde auch der Samstagabend unerwartet lang – wenn man nämlich statt 2 ganze 4 Stunden braucht und morgens zeitiger raus muss, weil man sonst zu spät ist und sich nicht drauf verlassen kann, dass um die Zeit wieder alles in Ordnung ist. Samstag klingelte deswegen kurz nach halb 5 der Wecker, Sonntag um halb 7 – auf die Dauer ganz schön anstrengend, wenn man den ganzen Tag unterwegs ist. Was ich dafür aber gesehen habe, war mal wieder atemberaubend und an meinem letzten vollen New York-Wochenende entfaltete die spannendeste Stadt der Welt noch mal in ihrem ganzen Facettenreichtum. Jedesmal, wenn ich mit dem Zug am Hudson entlang Richtung New York City fahre und dann am Horizont die Skyline Manhattans auftaucht, fühle ich immer noch so ein bisschen Aufregung und Vorfreude darauf, und wenn man an der Grand Central Station vom Bahnsteig in die Haupthalle kommt und zum ersten Mal ein bisschen wieder den rasenden Puls dieser Stadt fühlt, kann man nicht anders, als einerseits darüber zu stauen und sich andererseits mitreißen zu lassen.

An diesem Samstagmorgen war selbst die Stadt, die niemals schläft, noch nicht zu Hochtouren aufgelaufen. Entspannt fuhr ich mit der Subway zum Bowling Green und nachdem ich ausgiebig die nun zum Greifen nahe Skyline des Financial District bestaunt hatte, machte ich mich auf den Weg durch die Kontrollen zur Fähre. Freitagabend hatte ich wieder gebacken und natürlich einen Teil davon als Proviant mitgenommen – der Mann, der an diesen Gepäckcheckmaschinen meine Sachen durchleuchtete, schaute ziemlich doof. Schließlich saß ich auf dem Sonnendeck (leider war es bewölkt) der Fähre und bedankte mich im Geiste einmal über den Atlantik hinweg bei Frau Rocho, die mir den Tipp gegeben hatte, möglichst zeitig ein Boot zu nehmen.

Dann ging es auch schon los – auf der einen Seite konnte man weiterhin die Skyline genießen und den Freedom Tower bestaunen, der über allem thronte... dagegen sah das Empire State Building drüben in Midtown ziemlich winzig aus.

Erster Halt war Liberty Island mit der Freiheitsstatue, und da ich sitzen blieb, war ich bald fast die einzige Passagierin. Mein Ziel war nämlich nicht die „Lady in the Bay“, sondern die „Isle of Hope and Tears“ - Ellis Island!

 


 

Seit ich das (fast) gleichnamige Lied von Celtic Woman, „Isle of Hope, Isle of Tears“ gehört habe, habe ich mir vorgenommen, einmal Ellis Island zu besuchen. Dort setzten all die Dampfer aus Europa ab 1892 ihre Passagiere ab, die dann auf dieser Insel gründlich durchgecheckt wurden. Eine 5-7 Sekunden-Prüfung wurde der Gesundheit gewidmet, außerdem wurde kontrolliert, ob die Einwanderer schon mal aktenkundig geworden waren, und zwischen den Prüfungen hieß es: Warten, warten, warten. Man kann durch diese Hallen laufen, durch die vor einem schon so viele Millionen Hoffnungs- und Erwartungsvoller gelaufen sind. Man kann sich vorstellen, wie sie sich gefühlt haben mögen, und man erinnert sich automatisch daran, wie man sich gefühlt hat, als man das erste Mal amerikanischen Boden betreten oder die Skyline von NYC gesehen hat und wie man sich dachte: Das ist jetzt erstmal mein Zuhause. Natürlich ist heutzutage, wenn man erstmal ein Visum hat, die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass man wieder nach Hause geschickt wird. Auch ist die Reise weitaus kürzer und angenehmer als auf den überfüllten Schiffen, aber so ein bisschen fühlt man sich mit den Millionen Menschen und Millionen Schicksalen verbunden. Ein besonders anrührender Punkt ist der „kissing post“, wo die neuen Einwanderer endlich mit ihren schon vorgereisten Verwandten und Bekannten wieder vereint wurden. Daneben befindet sich übrigens ein kleines Internetcafé, wo man nach seinen Vorfahren in den Registern von Ellis Island suchen kann – das gibt es auch im Internet, und unter uns: Es gibt soooo viele, die Gloss heißen und aus Sachsen gekommen sind.

 


 

 

Wer findet den Rechtschreibfehler?

 

Dort wurde damals gewartet... und gewartet... und gewartet...

 

Einen Großteil des Hauptgebäudes, von dem noch immer nicht alles frei zugänglich ist, da Hurricane Sandy seine Spuren sehr deutlich hinterlassen hat, nimmt auch eine große Ausstellung über die Einwanderer ein – von der Entdeckung und Besiedelung Amerikas bis heute. Diese ist sehr hübsch gestaltet, teilweise sogar ein bisschen interaktiv, und wahnsinnig interessant – denn sie zeigt Einzelschicksale, spricht von der Begeisterung und der Vorfreude der Einwanderer genauso wie von ihren Ängsten, erzählt von den ungewollten Einwanderern aus Afrika und von Sklaverei, von Leuten aus Asien genauso wie aus Europa und von der Besiedelung des ganzen Landes genauso wie von Fremdenfeindlichkeit und Argwohn den Neuen gegenüber. Unterstützend dazu bekommt man einen kostenlosen Audioguide dazu, was das Erlebnis sozusagen komplett macht.

 

 Steps of Separation und am Ende des Ganges der Kissing Post

 

Da ich noch genug Zeit bis zur nächsten Fähre hatte, stellte ich mich an eine der Mauern und schaute auf Manhattan, noch immer voll mit den Eindrücken aus dem Museum und staunend über diese Skyline – manchmal erscheint es mir immer noch zu schön um wahr zu sein, dass ich hier bin.

Zurück auf dem Festland bzw auf Manhattan, traf ich Anna und wir beide erkundeten den Financial District. Auf der berühmten Wall Street kamen wir nicht an Tiffany & Co. vorbei, was besonders die gute Anna sehr glücklich machte.

 

Hier hat George Washington seinen Eid als erster Präsident der Vereinigten Staaten geleistet

 

Stock Exchange

 

Vorbei am Stock Exchange kamen wir dann zu einer kleinen Kirche inmitten der Hochhauswände, die in ihrer Bescheidenheit zwischen diesen Wolkenkratzern sehr niedlich, aber genau deswegen aufsehenerregend wirkte. Die St Paul's Chapel war Unterkunft und Stützpunkt genauso wie Seelsorgeort und Gebetshaus für die Helfer und Aufräumenden am Ground Zero gewesen und gab uns in einer anrührenden Ausstellung zu diesen Unterstützern nach der Katastrophe einen Vorgeschmack auf das, was auf uns als nächstes wartete.

 

Rechts St Paul's, links der Freedom Tower

 

 

 

 

Das, was von den Anschlägen auf das WTC am 11. September geblieben ist, sieht man schon von weitem, auch von Ellis Island aus. Man schaut auf die vielen hohen Gebäude und auf den Freedom Tower und dann schaut man nochmal hin, weil einen irgendetwas irritiert hat. Genau, dort fehlt was – dazwischen scheint ein Loch zu sein, eine Freifläche, die unbebaut scheint – und dann fällt es einem wieder ein, was da fehlt. Mittlerweile ist das Areal des WTC, das ja wieder aufgebaut wird, eine riesige Baustelle, an der atemberaubende Wolkenkratzer und eine große Bahn- und ÖPNV-Station (die für mich aussieht wie ein dreidimensionales Fischskelett) hochgezogen werden. Aber noch wird fleißig gebaut, noch ist das Loch im Herzen Manhattans nicht geflickt. Und vollständig wird die Skyline nicht mehr so ausgefüllt werden, da es das vergleichweise kleine Museum und das große Areal des Ground Zero Memorial gibt.

 

Im Vordergrund - dort, wo die Kräne sind - ist der Bahnhof

 

Da die Schlange vor dem Museum selbst relativ abschrecken war, gaben wir uns mit dem Memorial zufrieden, das auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich ist. Dort, wo die Zwillingstürme standen, sind zwei große Wasserbecken (am besten schaut man sich das selbst auf den Fotos an) und Anna hat sie sehr treffend, wie ich finde, als die Löcher im Herzen New Yorks bezeichnet. Denn genau das ist damals passiert – diese Weltstadt wurde aufs Empfindlichste in ihr Herz getroffen, und man fühlt sich immer noch mitgenommen, wenn man das hier sieht. Auf den Rändern um die Becken herum befinden sich knapp 3000 Namen – die Namen der Menschen, die hier ums Leben gekommen sind, und man will gar nicht daran denken. Man will weder daran denken, wie diese Leute sich in ihren letzten Minuten gefühlt haben, noch daran, wie es ihren Angehörigen ergangen ist. Ich will es nicht – denn es ist für mich immer noch unbegreiflich und das wird es auch bleiben.

 

Das Memorial

 

Nach diesem Erlebnis hatten wir dann doch ganz schön Hunger – selbst mein letztes Backexperiment konnte da nur kurzzeitig Abhilfe schaffen. Also machten wir uns auf den Weg, vorbei an den Gerichten, der City Hall und der Brooklyn Bridge in einer der sogenannten „Neighborhoods“: Nach Chinatown! Erstes Ziel war das Restaurant, das laut Annas Reiseführer die besten chinesischen Nudeln von NYC hat. Der Eingang war sozusagen im Untergeschoss, man musste erst ein paar Stufen herunterlaufen. Der Tripadvisor-Aufkleber an der Tür dieses etwas heruntergekommenen, unscheinbaren Lokals überzeugte uns dann doch, einzutreten. Drinnen war es fast ein wenig wie in einer Puppenstube – nur vollgestopfter mit Tischen und Stühlen, einer Menge Leute und es roch nach chinesischem Essen. Gott sei Dank waren noch 2 Plätze frei, und so konnten wir das Restaurant an sich betrachten – ein großer Spiegel an der einen Wand, und die restlichen Quadratmeter Fläche waren über und über mit Bildern, Postkarten, Sprüchen und Zeitungsausschnitten beklebt. Auch das ist also New York – ein unscheinbares Lokal, das trotzdem ansprechend und spannend wirkt, schon ewig da zu sein scheint und die Leute immer noch begeistern kann.

 

Die Brooklyn Bridge!!

 

Nach einer Riesenportion Nudeln mit Ente und Soße machten wir uns auf, Chinatown zu erkundigen. Dort war es wieder wie im Film – überall die kleinen, vollgestopften Souvenir- und Krimskramsläden, bunte Leuchtreklamen mit chinesischen Schriftzeichen und das übliche New Yorker Chaos.

 

China in Amerika - Fernöstliches und Starbucks

 

 

 

Mit meinem nächsten großen Eiskaffee ausgestattet, hieß unser nächstes Ziel dann SoHo mit seinen einzigartigen gusseisernen Treppen- und Balkonkonstruktionen an den Außenfassaden. Wenn man das mal im Film oder auf Fotos gesehen hat – es sieht dort wirklich so aus! Teilweise verbergen sich dahinter hübsch hergerichtete Fassaden und die kreativen Lädchen im Erdgeschoss voll mit Designermöbeln und -klamotten weisen auf den Szeneviertelcharakter hin. Ich fand es er beeindruckend, dann aber fast schon knuffig. Es wirkte halt nicht ganz so teuer und chick wie Greenwich Village, und bei weitem nicht so englisch, aber irgendwie konnte man sich doch vorstellen, dort zu wohnen, weil es fast etwas Anheimelndes hatte.

 

 


 

Unser kurzentschlossener Ausflug zum Rockefeller Center, von wo wir den Sonnenuntergang anschauen wollten, entpuppte sich leider als Reinfall – für Sonnenuntergangszeit waren keine Karten mehr da. Und so endete unser Abend eher entspannt als beeindruckend, wenn man dann mal von meiner 4 Stunden-Zugfahrt absieht.

Am nächsten Morgen bestätigte sich mal wieder: Wenn man damit rechnet, dass der Zug zu spät ist, ist er es nicht. Wegen des Steinschlags und des daraus resultierenden Bahnchaos stand ich extra eine Stunde eher auf – und der Zug zur Grand Central Station war so pünktlich wie noch nie!

Mir blieb also nicht übrig, als mich dort auf einer der Treppen zu platzieren und mit einem Latte ausgestattet an meiner Projektarbeit zu arbeiten, bis ein Polizist alle Treppensitzer wegscheuchte. Ich wartete auf Anna und Saskia – wir waren nämlich zum Brunch verabredet. Natürlich ist Brunch hier nicht gleich Brunch, man konnte nur ein Gericht auswählen. Aber man konnte so viel Kaffee, Tee oder so viele Cocktails (das Angebot war auf 3 beschränkt) trinken, wie man wollte. Und so konnte ich nicht nur eine weitere amerikanische kulinarische Spezialität, den Breakfast Burrito, probieren, sondern auch genug Sekt mit Orangensaft (nennt sich im Fachjargon Mimosa) trinken.

 

 

 


 

In sehr guter Laune machten wir uns auf den Weg zum MoMA, dem Museum of Modern Art. Dort erwarteten uns neben wirklich, wirklich moderner und teilweise sehr abstrakter Kunst auch eine ganze Menge Meisterwerke von van Gogh, Munch, Picasso, Matisse, Dalì und so weiter. Besonders die obersten Etagen versetzten mich in den Kunsthimmel, und so begegnete ich auch dem beeindruckendsten impressionistischen Gemälde, das ich je gesehen habe: Eines von Monets „Seerosenteich“-Gemälden, das doch tatsächlich gut 10 m lang ist! Der absolute Wahnsinn – ich kann mir gar nicht vorstellen, so ein riesiges Bild zu malen, und wenn es dann auch noch so perfekt ist... allein die Geduld würde mir für so etwas fehlen. Ab da an konnte mich in diesem Museum nichts mehr so sehr beeindrucken wie dieses Bild, und wären meine Mitstreiterinnen nicht gewesen, hätte ich mich eine Stunde davor gesetzt und einfach nur das Bild angeschaut. Das mag verrückt erscheinen – jeder, der es verrückt findet, sollte selbst mal dort hingehen und es sich anschauen. Sowas habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, und in diesem Jahr habe ich ziemlich viel weltberühmte Kunst zu Gesicht bekommen!

 

"Made in Western Germany" - soso

 

 

Ein sicheres Tagebuch

 

 

Monet... *seufz*

 

"Die Dynamik eines Fußballspielers" - hatte ich erwähnt, dass wir WELTMEISTER sind??

 

Marc Chagall - "Ich und das Dorf" 

 


 

Die teilweise sehr abstrakten Kunstformen – Videokunst etc – konnten mich dann natürlich nicht mehr so begeistern, aber ich war glücklich: Ich hatte den Seerosenteich gesehen.

Da es dann schon Abend wurde, genehmigten wir uns nochmal gehobeneres Fast Food – Chipotle ist echt nicht schlecht, und es reichte auch noch für ein halbes Mittagessen am nächsten Tag – und dann ging es auch schon wieder denn Fluss hinauf nach Poughkeepsie.

Dort war ein schöner Abend, nicht zu warm, nicht zu kalt, und so entschied ich mich, eine der Sehenswürdigkeiten zu betrachten, oder besser, zu begehen. Und so spazierte ich einmal den „Walkway over the Hudson“, die riesige Fußgängerbrücke, hoch und runter – also einmal über den Hudson und zurück. Der Sonnenuntergang war wirklich wunderschön und krönte ein ereignis- und erlebnisreiches Wochenende, das ich aber auch mit leichtem Wehmut abschloss - wer weiß, wann ich das nächste Mal so viel Zeit in NYC verbringen kann!

 

 

 


 

25.7.14 04:38

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