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30.06. Wo Langeweile ein Fremdwort ist


Auch wenn ich hier ein paar Breitengrade zu weit nördlich und in einem Land, das eher Base-, Basket- oder Football bevorzugt bin, kann ich es auch nicht mehr leugnen: König Fußball regiert im Moment die Welt!

Am letzten Donnerstag sollte ich eigentlich ein Meeting mit dem Manager und mit meinem PE-Betreuer haben – der Manager, selbst großer England-Fan, musste leider kurzfristig absagen, hat aber in der Notiz vermerkt, dass ich das Meeting trotzdem mit Bill machen und dann ganz schnell nach Hause fahren soll, um das Deutschland gegen die USA-Spiel (bzw Jogi gegen Klinsi :D ) anzuschauen. Das Meeting ging natürlich länger, sodass ich mich erst in der 2. Hälfte mit dem Spiel befassen konnte – und da mein Livestream nicht so wollte wie ich, musste ich (nach dem Tor) in die Kantine zu den USA-Fans umziehen. Diese sind aber vergleichsweise zu dem, was in Deutschland während so eines Spiels abgeht, sehr gemäßigt, muss ich sagen. Gott sei Dank enttäuschten mich „unsere“ Jungs nicht und auch ich konnte als Sieger vom Feld bzw aus der Kantine gehen – und die Ami-Fans waren auch zufrieden, denn auch der gute Jürgen hat seine Mannschaft in die nächste Runde geführt.

Ganz anders war mir heute. 120 Minuten Zittern um den Sieg sind weder gut für meinen Puls noch für meine Nerven. Diesmal habe ich mich mit dem funktionierenden Livestream in mein Büro verzogen, habe 2 Tassen beruhigenden Chai-Tee getrunken (naja, eher nich, wegen dem Schwarzen Tee ) und dann nach einer ewigen Zitterpartie voller leiser Flüche und neuer kreativer Schimpfnamen für alle möglichen Spieler auf dem Platz konnte ich auch über das Tor jubeln. Die nächsten 30 Minuten verbrachte ich u.a. damit, den „Deutschland schieß ein Tor“-Gesang in „Deutschland halte durch“ umzudichten und der guten Anna genau zu erzählen, was ich von den verschiedenen Abschnitten des Spiels hielt und mir zu wünschen, mal 5 Minuten mit denen allen am Telefon zu haben – 2 zum Runterputzen und dann 3 zum Wieder-Aufbauen... verdient hätten sie es!! (Außer vielleicht der Man of the Match, unser 11. Feldspieler – der Torwart )

So, jetzt aber zum eigentlich wichtigen Teil dieses Eintrags – für einen Fußball-Blog fehlt mir im Moment vielleicht nicht die Begeisterung, dafür aber das Fachwissen und vor allem die Zeit! Also kommen wir doch gleich zum Thema: Dem wirklich spannenden Teil der Woche: Dem Wochenende!!

Nachdem ich am Freitag die Residents, die 4 Wochen hier in Poughkeepsie waren, um ein Redbook zu schreiben, verabschieden musste und abends einem meiner Hobbys fröhnte – dem Backen - ging es Samstagmorgen in aller Frühe endlich wieder in die Stadt, die niemals schläft. Diesmal machten wir Sightseeing der etwas anderen Art – sportlich, wie Anna und ich nun mal sind, erkundeten wir auf Schusters Rappen New Yorks grüne Lunge, den Central Park!

 

Das berühmte Plaza Hotel - wie in "Kevin allein in New York"  

 

Die Dimensionen dieses Parks sind wirklich atemberaubend: Egal, was man vorher über ihn gehört hat, man erwartet einfach nicht, dass es in dieser Stadt voller Wolkenkratzer, Lärm und Leute eine so große Grünfläche gibt, dass man kaum noch etwas von der Stadt selbst hört, mit einem riesigen See in der Mitte und eigenem Zoo. Dort lässt es sich echt aushalten, und außerdem sind die Aussichten auf die das Grün umgebende Skyline ziemlich beeindruckend.

 

Central Park Zoo - "Madagascar" lässt grüßen

 

Nachdem wir uns mit Kaffee (und Muffins, in Annas Fall – die Muffins vom Abend vorher waren für sie ) am Zoo gestärkt und ich festgestellt hatte, dass der Zoo selbst in „Madagascar“ viel größer aussieht als hier, starteten wir unsere kleine Wanderung. Vorbei an einem Schauspieler, der ein Andersen-Märchen an der Andersen-Statue vortrug und an der Alice im Wunderland-Statue, folgten wir den geschwungenen Wegen und wichen den Fitnesswütigen unter New Yorks Joggern aus, denen auch die Sommerhitze nichts anhaben konnte. Schließlich, nach einigem Auf und An in der leicht hügligen Parklandschaft, erreichten wir das große Wasserreservoir in der Mitte – ein wunderschöner See, von dessen Rand aus man wunderbar die Skyline um den Park herum bewundern konnte. Wie in der Woche vorher das Capitol war auch das ein Anblick, den man stundenlang genießen kann und trotzdem nicht müde wird, ihn zu bewundern: die stille, blaue Wasseroberfläche, die nur von Zeit zu Zeit von Enten, Fischen oder Schildkröten (!!) durchbrochen wurde, darüber das satte Grün der Parkbäume und dann die sich majestätisch darüber erhebenden riesigen Wohngebäude (in denen man die Appartmentpreise sicher nicht bezahlen kann ) mit herrlichen Dachterrassen.

 

 


 

Zumindest an mir nagte dann aber ein bisschen der Hunger – Gott sei Dank hatten wir uns zu einem Picknick von CIEE angemeldet. Das ist die Organisation, die sich in den USA um die Formalia für unsere Visa sowie um unsere Versicherungen gekümmert hat.

Das Essen war super, und nachher konnte man in der Sonne (oder im Halbschatten ) dösen, Leute von überall her treffen und sich mit ihnen austauschen sowie sich bei Sport und Spiel verausgaben – das IBM Intern BBQ in Yorktown Heights war nicht so spannend (oder lecker) wie dieses Picknick hier (und auch wenn in Yorktown die Watson-Forschung stattfindet, ist NYC definitiv die coolere Location ).

 

Anna, sehr dynamisch nach dem Essen  

 

Nachdem wir unsere Bäuche gut (und vor allem kostenlos ) gefüllt hatten, machten wir uns auf den Weg, das alles wieder abzulaufen und nebenbei die andere Hälfte des Central Parks zu erkunden. Und so entdeckten wir den Shakespeare Garden, in dem ein großes Freilufttheater liegt – dort wird oftmals Shakespeare aufgeführt. Dann ging es weiter zu Belvedere Castle – einer putzigen Mischung aus fernöstlichen und europäischen Schlossbaustilen. Auf dem chinesisch anmutenden Vorplatz gab es sogar passende Musik, was sehr atmosphärisch wirkte. Dann bestiegen wir den kleinen Schlossturm und genossen das Panorama von der Aussichtsplattform: zu unseren Füßen das kräftige, lebendige Grün, umrahmt von den unberührbaren, starren Fassaden der vielen Hochhäuser – absolut beeindruckend!

 

Ein Antrag auf der Bow Bridge ...

 

Eine Wasserschildkröte!!

 

Nachdem wir das Schlösschen, das Wetteraufzeichnungen und -beobachtungen dient (sowie natürlich dem Tourismus), spazierten wir zur „Mall“ - den Namen kennt man nicht, aber auf dem Bild erkennt man die Kulisse für unzählige Filme wieder. Dort entlangzulaufen war wieder einer dieser „Ich habs so oft im Fernsehen gesehen und jetzt bin ich hier“-Momente, von denen ich mittlerweile nicht genug bekommen kann!

 

The Mall - wie im Film!

 

Anders, als ich es jedoch von der Natur zu Hause beispielsweise gewöhnt bin, ist es im Central Park jedoch nicht ruhig und entspannend, sondern auch er sprüht nur so vor Leben, sei es wegen der vielen New Yorker, die im Schatten der großen Bäume oder in der Sonne, zwecks Bräunung, die heißen Tage verbringen und für genug Abwechslung sorgen, sei es wegen der vielen Sportler, denen sich hier der ideale Ort fürs Fitnessprogramm bietet, wegen der vielen Tiere – Eichhörnchen, Enten, Schildkröten sowie die Zootiere – oder einfach nur wegen dieser Lebendigkeit, die jedem Bisschen New York City anhängt – auch der Central Park ist dadurch ein Stück New York, und so befremdlich, wie das Grün gegenüber des berühmten Plaza Hotels anfangs wirkt, ist er doch ein Teil dieser Stadt und fügt sich auch gerade wegen seiner Gegensätzlichkeit perfekt in diese Stadt ein, in der einem alles passieren kann, außer, dass es langweilig wird.

 

Trump Building

 

Für den Abend hatten wir etwas Besonderes geplant, und auch wenn ich die Nachwirkungen immer noch spüre (eine Nacht mit 3 Stunden Schlaf und zwei Tage New York-Entdecken zollen auch montags noch ihren Tribut), war es das auf jeden Fall wert. Unser letztes Ziel für diesen Abend war das Barclays Center in Brooklyn. Nachdem wir meine Tasche ausleeren und in eine Tüte packen sowie ihren Inhalt auf uns aufteilen mussten, da dort nur eine gewisse Größe erlaubt ist, und durch mehrere Sicherheitskontrollen gegangen waren, waren wir endlich drin und vor allem dankbar, dass wir vorher so viel getrunken hatten – die Getränkepreise waren mehr als hoch. Wie es die deutsche Pünktlichkeit gebietet, waren wir zu diesem Konzert natürlich, trotz fester Sitzplätze – unsere erschöpften Beine und schmerzenden Füße dankten es uns! - ein wenig früher da und mussten so mehr als anderthalb Stunden auf den eigentlich Beginn warten. So konnten wir aber beobachten, wie sich die riesige Halle Stück für Stück füllte, und konnten die Vor-DJ's genau begutachten.

 

Es füllt sich... 

 

Schließlich war alles voller Menschen und der Mann des Abends – kein Geringerer als Avicii, der wohl beste DJ der Welt – erschien auf der Bühne. Danach erlebten wir, wie elektronische Musik die Massen begeistern kann (auch uns!) sowie eine grandiose Bühnenshow mit tollen Effekten und wunderbaren Bildern! Schon alleine diese waren das Geld für die Eintrittskarten wert, und das Gefühl, auf so einer Riesenparty zu sein und sich von der Begeisterung mitreißen zu lassen, war es noch viel mehr!

Ich war dieser Art von Musik gegenüber immer etwas skeptisch – die „richtige“ Musik, bei der Leute Instrumente spielen, anstatt am Mischpult zu stehen und nur das zu präsentieren, was andere Leute fabriziert haben, erschien mir immer nicht wie wirkliche Musik in dem Sinne. Das tut sie immer noch nicht, aber jetzt weiß ich, wie gut sie trotzdem sein kann und dass auch diese Art von Musik mir als passionierter Klavierspielerin durchaus gefallen kann!

 

 

 


 

 

Nach einem Sprint zur U-Bahn und komischen Leuten in der Subway kamen wir schließlich ziemlich erschöpft an der Grand Central Station an, und mit einer Flasche Wasser versorgt fuhr ich zurück nach Poughkeepsie.

Auch wenn ich am nächsten Morgen nach einer viel zu kurzen Nacht jeden Knochen und Muskel einzeln spürte, quälte ich mich aus dem Bett, frühstückte und skypte mit meinen „Verwandten“. Danach ging es auch schon wieder nach NYC – es stand das Greenwich Village auf dem Programm.

Den Anfang machten wir aber mit der Lady's Mile, einer hübschen Strecke mit vielen teuren, aber schönen Lädchen, und vor allem mit dem Madison und Union Square sowie dem berühmten Flat Iron Building. Danach spazierten wir zum Washington Square, wo das Washington Arch eine Art Mini-Arc de Triomphe in NYC darstellt – dem Pariser Original kann es natürlich nicht das Wasser reichen.

 

Das Flat Iron Building

 

Ein bisschen Dalì

 


 

 

 

Schachspieler im Park 

 

Art Déco in NYC

 

Von dort aus erkundeten wir die hübchen ruhigen Sträßchen des Greenwich Village, die mit ihren kleinen (New Yorker Standard ) Backsteinreihenhäuschen und dem vielen Grün sehr englisch und auch sehr teuer wirkten. Immer mal wieder konnte man auch den plötzlich sehr nahen Freedom Tower sehen – der steht aber erst beim nächsten New York-Wochenende auf dem Programm.

 

 

 


Wie irisch :D

In Greenwich Village befindet sich u.a. auch ein früheres Wohnhaus von Edgar Allan Poe und der Pionier des amerikanischen Schauerromans passt irgendwie auch in dieses fast englische Umfeld, das sich einem gewissen New Yorker Touch, zumindest an den Hauptstraßen, nicht erwehren kann. Auch das schmalste Haus der Stadt, das nur 2,40 m breit ist, konnte man besichtigen und sich nebenbei in eines dieser Häuschen mit den hübschen Eingängen hineinträumen.

 

Poe's Wohnhaus

 

Im Greenwich Village liegen sowohl die Christopher Street sowie die Gay Street, also ist es auch einer der Ausgangspunkte der Schwulen-und-Lesben-Bewegung. Das wurde uns an diesem Sonntag ziemlich schnell bewusst, da etliche Straßen abgesperrt waren und eine riesige Gaypride-Parade durch die Straßen zog. Durchkommen war zwischen den vielen Leuten vom anderen Ufer in den putzigsten (manchmal nicht vorhandenen) Verkleidungen und den anderen Feiernden manchmal sehr schwierig. So mussten wir uns also immer mal wieder durch die vollgestopften Straßen zwängen und legten zwischendurch eine kleine Shoppingpause in einem der hübscheren Geschäfte New Yorks ein – es möge sich bitte jeder selbst die Bedeutung der Abkürzung VS erschließen und sich seinen Teil dazu denken.

 


 

Auch sowas ist "Street Art"

 

Davor mussten wir jedoch unsere Energiereserven auffüllen, und wo geht das besser nach einem Tag im englischsten Viertel New Yorks als in einem English Tearoom, dem „Tea and Sympathy“? Nach dem, was ich von Irland gewohnt bin, stimmte das Preisleistungsverhältnis weder beim Tee noch bei den Scones, aber die Holundersirupschorle und das Sandwich waren total lecker. Das Ambiente dieses winzigen Teamrooms war typisch englisch – blumig, eng, voller knuffiger Sachen an den Wänden und natürlich gab es klassische Musik (dummerweise immer die gleiche ). Das Sandwich vom Kate-und-William-Teller machte den Eindruck perfekt und ich hatte trotz meiner Begeisterung für diese Stadt, in der all diese Kuriositäten nicht kurios sind und in der sich selbst nach vorbeirauschen Ravern keiner umdreht, plötzlich wieder Lust auf England und Irland.

 

Man bemerke den Teller

 

Diesmal liegt eine vergleichweise kurze Woche vor mir – Freitag ist Independence Day und leider werde ich zum Viertelfinalsknaller Deutschland gegen Frankreich im Zug sitzen. Aber ich freue mich ganz besonders auf dieses lange Wochenende mit dem ganz besonderen Stückchen Heimat – genaueres gibt’s dann in der nächsten Woche!!


P.S.: Woran merkt man, dass man 2 Monate nicht mehr zu Hause und auch per Telefon nicht mehr erreichbar war? - Es wird zunehmend schwieriger, mit einigen Leuten Kontakt zu halten. Man sollte ja meinen, dass in unserer heutigen, globalisierten und vernetzten Gesellschaft sowas kein Problem mehr ist – eine What's App-Nachricht schreibt sich in einer Minute und für Briefe muss man auch weder zur Post rennen noch Briefmarken bezahlen, man schickt sie einfach als eMail. Also gelten Ausreden wie „Ich hatte keine Zeit“ oder „Ich hab zur Zeit so viel um die Ohren“ im Nachhinein auch nicht mehr wirklich – ich wünsche mir in Zukunft also entweder die Wahrheit oder zumindest kreativere Ausreden (der „Mein Computer funktioniert nicht“-Standard ist auch langweilig, um das vorweg zu nehmen – heutzutage hat jeder Smartphones, ich habe auch What's App, ihr habt meine Nummer und außerdem kann ich sehen, wann ihr das letzte Mal online wart! ...) … vielleicht sollte ich einen Wettbewerb ausrufen: für Wahrheitssager gibt’s nach meiner Rückkehr Cookies und derjenige mit der besten Ausrede bekommt eine volle Ladung Cupcakes!! Und für alle die, die sich gar nicht melden: Keine Antwort ist auch eine Antwort, dankeschön!

1.7.14 19:22

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